Worum es hier geht

Samstag, 16. April 2016

ordentlich altern ...

Puh, das Alter ist nichts für Feiglinge ...
... und damit meine ich jetzt gar nicht das Alter meiner Eltern, sondern meins.

Vorgestern stand ich hier in der Küche und suchte die Kaffeefilter.
Sie standen nicht da, wo sie immer standen - also immer, als ich ca 30 - 40 Jahre jünger war.
Plötzlich ging mir auf, dass ich hier meinen Kaffee verdammt noch mal nie selbst kochen musste.
Den hat mir noch im Oktober mein Väterchen gekocht.
Demenz mag ja ein Arschloch sein, aber Kaffee kochen ging noch.
Mein Väterchen kocht mir keinen Kaffee mehr.
Im nächsten Moment stand ich plärrend in der Küche und als die sehr nette Pflegerin dazu kam, stieß ich schluchzend heraus, dass ich die verdammten Kaffeefilter nicht finde.
Sie waren übrigens genau vor meiner Nase im Zwiebelkörbchen.
Ich meine, da waren immer Zwiebeln drin, da suche ich doch keine Kaffeefilter und ... selbst wenn ich ohne Brille hingeschaut hätte, hätte ich die bräunlichen Filter im bräunlichen Körbchen nicht erkannt.
Das Altern ist ein Arschloch!

Ich habe mich übrigens ganz schnell wieder beruhigt - also, als der Kaffee fertig war.
(Wo ist MEINE Tasse???)
Und ich ihn halb getrunken hatte, tickte ich wieder ganz sauber.
Ok, er kocht keinen Kaffee mehr und ob er mich diesmal erkannt hat, steht in den Sternen, denn er spricht jetzt auch viel weniger.
Aber: er mag noch immer meinen Stachelbeerkuchen.

Einerseits ist Demenz ... ja, auch ein Arschloch ... verzeiht mir meine Wortwahl ... aber andererseits ist mir mein "Original-Papi" vor 10 Jahren von jetzt auf gleich mit dem Flugzeug abgestürzt und so weiß ich diesmal diesen Abschied auf Raten zu schätzen.
Bei der Demenz verblödet man übrigens nicht, sondern wird einfach weniger.
Ich erkenne mein Väterchen noch immer wieder - nicht nur optisch, sondern in ganz vielen Gesten und Satzteilen.
Viele Rituale funktionieren, auch wenn er nur noch die Anfangssilbe eines Satzes herausbringt.
Wie viele Jahrzehnte haben wir bei Kaffee und Kuchen beisammen gesessen um nun zu wissen, was er meint?!
Es ist so tröstlich zu sehen, dass er seine Lebensfreude und seinen Anstand mitnimmt, während er sich immer weiter in sich zurückzieht.
Ich bin versucht, Pfeffer zu streuen, weil er noch immer beide Hände vor die Nase hält, wenn er niest und dann grinst und dann "das sollte ein Lied werden!" sagt.
Also, Teile davon sagt er.
Meine Schwester musste lachen, als er Kuchen aß.
Nicht über ihn, sondern über mich, da ich immer meinen Mund aufmachte, wenn er Kuchen auf der Gabel zum Mund balancierte.
Ein bittersüßes Erlebnis, mit ihm am Tisch zu sitzen.
Er hat aus dem Nichts eine Firma aufgebaut und erfolgreich geleitet - jetzt sitzt er am Tisch und versucht einen Ball zu schälen.
Darüber mache ich mich nicht eine Sekunde lang lustig, denn egal, wie viel ihm mittlerweile entglitten ist, er kann sich noch immer freuen.
Der Anblick von Kindern, Hunden und Pferden macht ihn glücklich.
Und wenn wir spazieren gehen, grüßt er jeden und wird von jedem gegrüßt.
Die Spaziergänge werden kürzer, seine Schläfchen immer länger.

Kommentare:

  1. Schwierige Zeiten... Vielleicht findest du ja jemand mit Hund, der oder die bereit wäre ihn mit oder ohne Bezahlung immer mal wieder zu besuchen. Mit solchen Besuchen erfreut man demente Menschen die Hunde mögen mehr als mit allem Anderen.
    Liebe Grüße
    Heike

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  2. Oh, das haben wir alles organisiert.
    Hunde, Pferde und Kinder :)
    Aber die Zeiten, in denen er das noch wirklich mitbekam, sind langsam vorüber.

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  3. Ich arbeite mir schwerstbehinderten Erwachsenen - und ich behaupte mal, die Hunde bekommen die Leute noch mit, wenn sonst nichts mehr ankommt. Wir legen einen meiner Pudel ins Bett, (nicht zu jedem, nur zu denen die das mögen). Dann zieh ich mich aus dem aktiven Part zurück. Die Atmung von Hund und Mensch gleichen sich an, verkrampfte Hände öffnen sich und verspannte Gesichtszüge entspannen sich. Ich habe nicht nur einmal Mitarbeiter mit Tränen in den Augen gesehen - weil Menschen auf diesem Weg noch erreicht werden konnten und man ihnen etwas Gutes tun kann.

    Klar, man versetzt keine Berge damit - aber ich würde NIE sagen, daß auf dieser Ebene ein dementer Mensch nichts mehr mitbekommt.

    Liebe Grüße

    Heike

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    1. Oh, mein "mitbekommen" war anders gemeint.
      Ich habe schon ein wenig mit meiner eigenen Erschütterung zu kämpfen, wenn er sich jedes Mal, wenn ich ihn wiedersehe, noch weiter in sich zurückgezogen hat. Die wenigen Momente, in denen er noch direkten Blickkontakt aufnimmt, sind so selten geworden.

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)