Worum es hier geht

Dienstag, 1. September 2015

Notizen einer Joggerin ...

Gewicht heute Morgen: 92,8 kg
abgenommen insgesamt - 18,1 kg
Bewegung: Joggen und Laufband
Ernährung: Salat, Gemüse, Soße
Schlafenszeit: ca 1 Uhr


Es hat mir natürlich rein gar keinen Spaß gemacht, mein Gewicht in meiner Gewichtskurve morgens wieder nach oben zu schrauben, aber ich habe es mit leisem Zähneknirschen erledigt.

Meine übliche Selbst-Sabotage, kurz vor den heiß ersehnten 80ern mein Saftfasten mal eben drastisch zu beenden und auch mein "die ersten 20 Kilo sind geschafft" leicht ab adsurdum zu führen.
Doch ja, solche Gedanken habe ich durchaus im Hinterkopf spazieren geführt, aber sie uferten nicht weiter aus, denn ... uns bleibt immer noch Paris.

Nein, ich bin Joggerin.
Hallo September 2015: ich bin Joggerin :)



Gestern Nacht habe ich ein wenig in meinen Einträgen des Vorjahrs herumgestöbert und sehe, dass ich mich aus dem damaligen Tief ganz gut befreit habe. Letztes Jahr war mir recht drastisch das Ende meiner Mutterschaft bewusst geworden, nachdem meine Tochter nicht nur hier auszog, sondern plötzlich auch in Hamburg wohnte.

"Tochter zieht aus" ist ja noch so ein Mutterding ... aber "Tochter wohnt in Hamburg", ist nun ja ... ein Tochterding.
Und so wie die Jahre verfliegen, steht der Auszug des Aliens ummittelbar bevor.
Ich war hin und hergerissen zwischen unbändiger Freude und Angst vor Einsamkeit und Sinnleere.
Ich werde hier ganz alleine leben, mit meinen Katzen reden und irgendwann, unbemerkt von den Nachbarn tot im Flur zusammenbrechen, von den Hunden angenagt werden und erst der intensive Leichengeruch macht den Postboten auf mein Ableben aufmerksam ... jaaaaa!

Fast war ich versucht, dem Alien ein Studium in Kiel schmackhaft zu machen - dann könnte er weiterhin bei Muttern wohnen.
Fast!
Mittlerweile rede ich ihm wieder sehr zu Bayreuth zu.
Bayreuth hat einen tollen Ruf ... und ist eine wunderbare Entfernung ...

Letztes Jahr hatte ich sogar kurzzeitig einen Blog names "leeres Nest" aufgemacht.
Empty Nest Syndrom ... verlassene Muttis, sozusagen.
Aber der Funke zündete nicht recht und ich landete schnell wieder hier.
Immerhin hatte ich mir einen Termin bei der Ehrenamtberatung gegönnt.
Eigentlich würde ich ja lieber (mehr) Geld verdienen, aber ein kurzer Ausflug auf den Jobmarkt ergab, dass hier hoch qualifizierte Frauen die Wahl haben, nachts in Tankstellen zu jobben, Pflegedienste zu übernehmen etc.
Oder sich eben freiberuflich durchzuschlagen - und das mache ich ja schon.
Ich begriff, dass ich für ein interessantes Thema, das mein Leben bereichern und mich von der Überbemutterung des Aliens abhalten würde, keine Bezahlung erwarten sollte, ging zur Ehrenamtberatung und landete in der Flüchtlingshilfe.
Ich war sehr skeptisch gewesen, ob es für mich überhaupt ein sinniges Ehrenamt gäbe, denn:
- ich bin sehr ekelanfällig - Leute um die ich mich kümmer, dürfen keinesfalls sabbern, Hilfe beim Toilettengang benötigen oder oder oder ...
- fremder Leuts Kinder finde ich nervig und ich habe meine Kinder nicht ohne Grund auf Schulen geschickt, auf denen es keine Hausaufgaben gab
- sollten Leute mit Sterben beschäftigt sein, bräuchte ich Trost von ihnen und ihren Angehörigen, statt welchen geben zu können
... und so weiter - ich teilte das meiner Beraterin auch genau so unverblümt mit.
Statt mich raus zu schmeißen, teilte sie mir mit leuchtenden Augen mit, damit sei ich eine hervorragende Kandidatin um entweder in der Flüchtlingshilfe aktiv zu werden oder als Behördenpate.
Als Behördenpate hätte ich speziell sozial Schwachen bei Behördengängen und Formularkram geholfen.
Ich bin tatsächlich große Klasse in Formularen und bei Behörden, aber als Freiberufler muss ich bei Hartz IV Empfängern immer meinen inneren Stammtisch zu aktiv im Zaume halten.
Es gibt Monate, in denen ich mit Nachtschichten und Co Einnahmen erzielte, die unter dem Hartz IV Regelsatz blieben - aber ich stamme aus einem Unternehmerhaushalt und da krempelt man "verdammt noch mal" die Ärmel hoch, "haut ordentlich rein" und nimmt "verdammt noch mal" keine Almosen an.
Frühkindliche Prägung ... da komme ich nicht recht raus.
Dazu kommt, dass ich unsensibel und taktlos bin ... auf die Frage "du hältst dich wohl für was Besseres mit deinem Schulabschluss und Job?!", habe ich mal mit "ja!" geantwortet.
Darum wandte ich mich schnell dem Thema "Flüchtlingshilfe" zu.
Das erwies sich als gute Wahl, denn bisher hatte ich ausschließlich mit Flüchtlingen zu tun, die meiner anerzogenen "Ärmel hochkrempeln und reinhauen!"-Mentalität entsprechen.
Und ich mag diesen bunten Haufen der anderen Ehrenamtlichen.
Der Norden ist doch ein klitzekleinwenig konservativ für eine Exil-Kölnerin ... aber wen ich mittlerweile so alles über das Ehrenamt kennengelernt habe: herrlich!

Im Herbst 2014 gewann ich also ein neues Thema und einen neuen Bekanntenkreis dazu.
Und im Winter 2014 stieß ich auf Joe Cross und das Saftfasten, das sich als gangbarer Weg zum Kiloverlust für mich entpuppte.
Der Sommer 2015 brachte mich nun wieder zum Joggen.

Im Schneckentempo und auch noch im Intervall-Konditionsaufbau.
Könnte gut sein, dass ich beim Joggen von irgendwelchen Spaziergängern überholt werde ... aber ich jogge mit allem Drum und Dran.
Gestern musste ich zB noch schnell ein paar Dinge bei der Bank erledigen.
Normalerweise achte ich pedantisch darauf, solche Termine schick und geschminkt zu absolvieren.
Gestern ging ich stattdessen in Turnschuhen, Sportklamotten und klarem "die Frau geht gleich Joggen!"-Outfit in die Bank und fand das schlicht saugut.
Alles ist besser als der "Jeans, Sweatshirt, ist eh alles egal"-Look ... halt nein ... da war ja auch noch die kurze Phase, in der es mir nicht einmal mehr gelang, passende Jeans zu finden und die Rückkehr zu Jeans mit Reißverschluss und Taschen war einer DER Meilensteine.

Als ich dann gestern im Wald ankam, ging ich noch mal meine innere "ToDo-Liste" durch und stellte nach einer Weile sehr verblüfft fest:
ich war einfach gejoggt.
Ok, es ging bergab und ich war den kompletten Hügel hinunter gejoggt.
Ohne zu zählen, ohne Gehpausen (ohne von harmlosen Spaziergängern überholt worden zu sein ...)

Auch meine Oberschenkel-Krämpfe blieben (vorerst) aus ... sie kamen dann am Ende der Runde doch noch.
Also reizte ich das ein wenig aus und joggte immer, wenn es bergab ging und erhöhte etwas übermütig die Intervalle auf 100:100 (Gehen und Laufen).
Das Tolle war:
gestern hielt mich dann erstmals das Atmen beim Joggen mehr in Schach, als das bloße Heben der Füße.
Mir ging sozusagen die Puste aus.

Ok, ja, mein Alien machte mir mein "yeah, bin ich sportlich!" mit einem kurzen "meine Güte, stirbst du gerade? Bist du in den Regen geraten???" etwas zunichte ... als ich mit rotem Kopf und heftig schwitzend nach hause kam.

Aber auch hier, in Sachen "Mutti als Vorbild für ihre Brut", habe ich deutlich gepunktet:

mein Töchterlein hat eindeutig meine Fähigkeit, Stress mit Essen zu kompensieren, geerbt.
Mein Töchterlein hat begriffen, dass dies eine sinnvolle Fähigkeit ist!

Punkt 2 macht mich glücklich.
In ihren ersten Examen hat sie ca 8 kg zugenommen - und es war eine Prüfung dabei, die sie mit glatten 100% abschloss.
Ich finde, dass 8 kg + ein fairer Preis für tolle Ergebnisse sind und habe ihr das auch so gesagt, als sie traurig meinte, dass "Abnehmen" wohl ein ewiges Thema für sie bliebe.
Nun liegen gerade die 2. Examen hinter ihr, mit ähnlichem Effekt.
In Wien werden wir in die Oper gehen - ich sage nur: Rigoletto! und als mir mein Töchterlein nun mitteilte, dass sie künftig für alle Lebenslagen den passenden Glitzerfummel habe, hat mich das echt gefreut!
Sie war mit einem Kumpel noch schnell ein Kleid kaufen gegangen und berichtete von der "unsensiblen" Verkäuferin, die sagte:
"ja, das Kleid kaschiert schön!"
Der Kumpel (ich mag ihn) hat der Verkäuferin gesagt:
"Was gibt es denn da zu kaschieren? Das Kleid betont schön!"
Und mein Töchterlein führte stolz ein Kleid in einer Größe 42 vor.
(es kaschiert und betont grandios!)
Es ist noch gar nicht lange her, dass ich einmal eine Größe 40 mit der Nagelschere entfernte, auf einen 38er Bügel hängte und auf die Art eine tränenreiche Kleiderkauf-Aktion über die Bühne brachte ...

Mein Alien ... was soll ich sagen?
Er ist nun plötzlich Veganer.
Keine Ahnung, wie lange er das durchzieht, aber mich freut dabei, dass er sich nun überhaupt mal dafür interessiert, was er isst.
Und ich merke, dass meine Joggerei, meine Freude an "guck mal, was mir wieder passt?!" und auch meine Ernährung ihn durchaus mitreißen (was er nie zugeben oder auch nur begreifen würde)

Ich hatte die 30-Tage-vegan-Challenge von Attila Hildmann für den September/Oktober in Erwägung gezogen, aber gleich wieder verworfen. Derzeit mache ich mir täglich ein großes Backblech voll Gemüse.
Einfach Gemüse putzen, auf ein Backblech legen (auf Backpapier) und bei 200° Ober-Unterhitze 30-45 Minuten in den Ofen stellen.
Dazu mache ich eine Soße.
Gestern hatte ich einen Blumenkohl, Karotten, Gemüsezwiebel und Rosenkohl.
Lecker!
Keine Arbeit, große Menge ... außerdem hatte ich einen veganen Salat gemacht.
Veganer Salat heißt: kein Käse, keine Croûtons, kein Sahnedressing ... so gesehen kommt mir der Veganer sehr entgegen, was meine Kalorien so angeht.

Dass heute Morgen dann nicht weitere Pfunde den Rückweg auf meine Hüften gefunden hatten, sondern sich sogar ein paar Gramm nach kurzem Wiedersehen wieder verabschiedet hatten, hat ein breites Grinsen in mein Gesicht gezaubert.
Jetzt muss ich nur schauen, dass ich das nicht alles in 5 Tagen Wien wieder ruiniere, denn ich kann ja schlecht meine Waage mitnehmen (oder meinen gesunden Menschenverstand ...)

Quatsch ... alles runinieren ... selbst wenn ich als Mozartkugel zurückkehre, weiß ich ja nun, wo ich dann ansetze und loslege ...




Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Ich hatte mich geirrt, deswegen gelöscht und neu geschrieben....

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  2. Hallo Frau Pfundi,
    Stress mit Essen zu kompensieren, findest du gut?
    Ich halte das eher für nicht erfreulich, weil man mit Essen nicht Gefühle kompensieren sollte.
    Wenn man das tut - und ich mache das viel zu oft - verbindet man Essen mit Emotionen. Essen gleich Stressabbau, Frustabbau.
    Das bedeutet auf lange Sicht dann auch, dass man isst, wenn man gar keinen Hunger hat. Halte ich für eine ziemlich unglückliche Verbindung. Man missbraucht Essen, anstatt eine andere Handlung vorzunehmen: bei Wut Schreien, Sport machen, Bei Stress Yoga, bei Frust drüber reden.. etc.
    Ich war ja mal vor 10.000 Jahren bei den Weight Watchers, die hatten EINEN guten Spruch:
    "Wenn Hunger nicht dein Problem ist, ist Essen auch nicht die Lösung."

    Als emotionaler Eater vor dem Herrn möchte ich dieses Verhalten eher loswerden. Ich sehe das nicht als "Fähigkeit", sondern als Teil meiner Ess-Suchtproblematik.

    Schöne Grüße
    Heike

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    1. Es gibt Menschen, die unter Stress gar nichts essen können und irgendwann zusammen klappen - zu denen gehören wir eben nicht.
      Und sobald man es als Fähigkeit begreift, kann man sie auch sinnvoll einsetzen.

      Dumm ist halt, wenn man unter Stress immer rund um sich herum futtert und sich gleich noch viel mehr Stress macht, weil man sich für sein eigenes "Versagen" nieder macht. Dann gerät man schnell in den Kreislauf, dass man mit vermehrtem Essen den Frust darüber kompensiert, dass man viel zu viel isst.

      Seit ich mir mein jahrelanges "zuviel Essen" nicht mehr als Versagen verübel, sondern als meine Art der Stressbewältigung akzeptiert habe, kann ich viel konstruktiver daran gehen, mein Leben aktiv so zu gestalten, dass ich meine wundersame Fress-Fähigkeit kaum noch "brauche".

      Bei Wut schreien, verängstigt die Kinder,
      Sport machen, geht nicht, wenn das Konto leer ist und ein Berg Arbeit Geld verspricht,
      bei Yoga schlafe ich umgehend ein, da ich gern die Nächte durch arbeite
      und über Frust zu quatschen, kostet Zeit, macht keinen Spaß und verschreckt die Freunde ...
      Dann doch lieber eine Tüte Chips ;-)

      Und wie gesagt, ich bin nicht dafür, ständig Stress mit Essen zu kompensieren, denn das macht dick - dafür bin ich das allerbeste Beispiel :)
      Ich bin aber auch ein gutes Beispiel für eine alleinerziehende Mutter, die verdammt stolz darauf sein kann, was und wie sie das alles so hinbekommen hat.

      Du kannst es natürlich als "Ess-Suchtproblematik" sehen - aber was genau bringt Dir diese negative Herangehensweise?
      Ich möchte dieses Verhalten auch loswerden und bin dabei auch schon richtig weit gekommen, da ich aktiv Stressfaktoren abbaue und Sport endlich eine Priorität gegeben habe.

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  3. Chapeau ! Was für ein interessantes Jahr Du da erlebt hast (y)
    Super, weiter so & viel Erfolg für alle Deine Baustellen wünscht Saarbini

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  4. Frau Pfundi,
    Es macht Spaß deinen Blog zu lesen. Ich mag die Idee, deinen persönlichen Fortschritt zu veröffentlichen. Weiter so!

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)