Worum es hier geht

Freitag, 18. September 2015

der Abnehmkurs

Gestern stand ich vor einem großen Gebäudekomplex, drehte mich im Kreis und suchte den richtigen Eingang.
Da sprach mich eine Dame freundlich an:
"Sie suchen sicher den Abnehmkurs?!"
*seufz*

Suchte ich nicht ...
Und wie kam sie nur auf die Idee???
pft

Aber ich strahlte sie an, denn sie meinte es nicht böse und durch mein Strahlen kam sie gar nicht weiter auf die Idee, dass ich ihr gern in die Nase gebissen hätte.

Viel später am Tag gab ich ein gefühltes Vermögen (mein Konto fühlt mit) für atmungsaktive Sportpullis und Sport-BHs aus.
Zudem erstand ich einen ganz erstaunlich teuren, atmungsaktiven Müllsack.
Sieht jedenfalls so aus, stellt aber eine Regenjacke dar, die keine Saunawirkung haben soll.
Noch ist sie einen Tick zu Eng.
In Kürze sitzt sie entweder schön locker - oder ich passe gar nicht mehr rein ...

Diese Einkäufe hatte ich schon vor der Begegnung mit der hilfsbereiten Dame vor dem Haus geplant.

Im Haus selbst wurde ich dann übrigens mit Komplimenten überschüttet, wie unglaublich fantastisch schlank ich jetzt aussähe - nahezu magersüchtig!
Ok, da ich die Jüngste unter den Ehrenamtlichen bin, beteuerte ich bei den anderen Damen Dinge wie "total erholt, siehst du aus!" und anderes, das auf sichtbare Verjüngung meines Gegenübers abzielte.

Eine Sache, die ich so an der Flüchtlingshilfe liebe:
das Miteinander mit den anderen Ehrenamtlichen!

Man ist halt irgendwie auf einer Wellenlänge.
Und es tat auch gut, Sorgen und Befürchtungen äußern zu können.

Die Erstaufnahme-Unterkunft in Neumünster platzt aus allen Nähten (3.200 statt 1.900 Flüchtlinge) und stellt sowohl die Flüchtlinge, als auch die Anwohner hart auf die Probe. Während wir bei einem sehr heftigen Gewitter gemütlich Kaffee tranken und den 1. Cafe-Termin planten, standen die Flüchtlinge in langen Reihen auch quer über den Hof für das Essen in der Unterkunft an. Viele von ihnen haben weder Regenkleidung, noch Kleidung zum Wechseln und schon gar keine Möglichkeit, nass geregnete Kleidung zum Trocknen aufzuhängen.
Nur so, als Einzelbeispiel.

Und für die Anwohner?
Tja, da es nun unglaublich eng in der Unterkunft zugeht und weil sie nun einfach unglaublich viel mehr Menschen in der Unterkunft sind, spazieren nun auch immer mehr Menschen die Straße zur Innenstadt entlang.
Weiter tun sie eigentlich nichts, als in Grüppchen eine Straße entlang zu gehen.
Viele grüßen jeden freundlich, der ihnen entgegen kommt.
Ich wurde gestern 3 Mal freundlich gegrüßt und einmal von jungen Männern übersehen, die gerade in Telefonate vertieft waren.
Ein gutes Stück vor mir ging eine ältere Dame mit einer Einkaufstasche.
Jedem Grüppchen wich sie aus.
Als ich sie eingeholt hatte, fragte ich "ist hier jeden Tag so viel los?"
"Oh ja", seufzte sie.
"Aber die wollen einem ja nichts Böses!", sagte sie schnell. "Ich habe einfach nur Angst, umgerannt zu werden. Ich sehe so schlecht!"
Die Frau war wirklich tough, erzählte mir, wie sie als Kind den Krieg erlebt hat.
Verständnis ist vorhanden - aber angenehm ist es dennoch nicht.
Zweimal kam ein Polizeiauto durch die Straße gefahren.
Vermutlich ist diese Präsenz eine gute Idee.
Nicht, weil viel passiert, aber weil diese Präsenz den Anwohnern evtl. ein Gefühl von Sicherheit gibt?
Ich weiß es nicht.

Ich halte einfach nichts von der Massenhaltung ... die ist nicht artgerecht ...

Unser Cafe ist mittlerweile nur eine von ganz vielen Flüchtlingsinitiativen in Neumünster und ich bin darin auch nur eine von vielen und absolut nicht wichtig :)
Andere sind da deutlich engagierter.
Ich erwähne das für Menschen, die im Grunde gern helfen würden, aber nicht viel Zeit haben.
Das geht ;-)

Nachtrag:
Meine Zahlen von gestern sind schon nicht mehr aktuell:
in der Aufnahmeeinrichtung, die für 1.900 Menschen ausgelegt ist, befinden sich mittlerweile 3.700 Flüchtlinge.
-> Ende des Notstands ist nicht in Sicht

1 Kommentar:

  1. Liebe Frau Pfundi
    Immer wieder schön von Ihnen zu lesen. Danke auch für Ihre Gedanken zur Flüchtlingssituation - Sie haben eine sehr positive Art die Dinge zu beschreiben und auch ganz pragmatisch anzugehen ohne dogmatisch zu sein.
    Damit sind Sie für Ihre lesende Community wirklich wichtig.
    Alles Gute

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