Worum es hier geht

Freitag, 6. März 2015

Das war nicht Tag 1

Als ich gestern Abend spät nach hause kam und noch ein wenig im Internet herumstöberte,
bestand mein "inneres Kind" plötzlich auf Müsli.
Viel Müsli!
Und wenn ich Müsli sage, meine ich etwas, das zu 40% aus Schokolade und 60% Zucker besteht.
Nach einer aus 3 Schüsseln bestehenden Schocktherapie, wagte ich einen erneuten Blick, was mich denn da wohl gerade so aus der Ruhe gebracht hatte.
Sieh an:
Harrison Ford war wohl mit dem Flugzeug abgestürzt.
Ha!
Es mag ja fein sein, Gedanken lesen, unsichtbar werden oder sonstige magische Kräfte vorweisen zu können, aber ich bin ganz froh darüber, die Zauberkraft zu besitzen, mit Essen alles mögliche kompensieren zu können.

Im Oktober vor gut 10 Jahren klingelte nämlich mein Handy.
Danach deaktivierte ich übrigens erst einmal die Rufumleitung vom Festnetz aufs Handy, denn ich begriff, dass es Dinge gibt, die ich nicht unterwegs erfahren möchte.
An meinem Handy war eine Bekannte, die verwirrender Weise den gleichen Vornamen hat, wie eine meiner Tanten.
Nachdem diese Bekannte nun klargestellt hatte, dass sie nicht meine (entferntere) Tante sei, geriet sie aber ins Stocken.
Eigentlich wollte sie mich nämlich um Hilfe bitten.
Sie selbst wohnte in München und machte sich nun gerade Sorgen um ihre Schwester, die sie gerade recht hysterisch angerufen hatte, da sie von 2 Polizisten besucht wurde, die ihr berichteten, dass ihr Mann vermutlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war.
Nachdem diese Bekannte, die nicht meine Tante war nun angedeutet hatte, dass etwas Schreckliches passiert sei, geriet sie ins Stocken, denn ihr ging auf, dass der Ehemann ihrer Schwester mein Vater sei und dass ich evtl. selbst auch hysterisch reagieren könnte, wenn ich aus heiterem Himmel erführe, dass mein Vater vermutlich tot sei.
Sie irrte!
Ich wurde bereits hysterisch, weil die Schwester meiner Stiefmutter nicht mit der Sprache herausrückte, was denn nun eigentlich geschehen sei. Da sie mich noch nie angerufen hatte, war mir schnell klar geworden, dass sie nicht plaudern wollte.
Die Freundin, deren Haus ich soeben verlassen hatte um nach hause zu fahren, setzte flugs Kaffee auf, als sie etwas verwundert mit ansehen musste, wie ich mit meinem Handy auf das Dach meines Autos eindrosch und ein wenig herumbrüllte.
Das tat übrigens erstaunlich gut und brachte meine Anruferin dann auch dazu, mir alles zu erzählen, was sie wusste.

Es war ein Sonntag - am Samstag darauf waren wir verabredet.
Ich hätte meine Kinder zu meinem Vater gebracht und wäre dann selbst mit einer Linienmaschine nach Sardinien geflogen.
Dort hätte ich einen Mietwagen abgeholt und wäre zum kleineren Flugplatz für Privatmaschinen gefahren, um dort meinen Vater, meine Kinder und meine Stiefmutter abzuholen.
Da ich oft mit meinem Vater flog, meine Stiefmutter aber die geübtere Navigatorin war, hatten wir uns für diese Aufteilung entschieden. Meine Kinder freuten sich ganz unglaublich auf den Urlaub mit ihrem Opa und auch der spannenden Anreise, denn bisher waren sie immer nur kürzere Strecken mit ihm geflogen. Es passten schlicht nur 4 Personen in seinen Flieger und wir waren doch aber 5 Personen.
Ich wäre zu dem Flugplatz gekommen und hätte auf den gewohnten Anblick meines Vaters bei der Landung gewartet.
Auf die fröhlichen Gesichter meiner Kinder, die wieder beide gleichzeitig vom Flug erzählen würden.
Auf das eher tapfer beherrschte Gesicht meiner Stiefmutter, die sich erneut freuen würde, selbst nie Kinder bekommen zu haben.
Auf meinen Vater.

Und keiner von ihnen wäre je wieder gelandet.

Mit wachsender Unruhe hätte ich gewartet, in jeder ankommenden Privatmaschine immer die Mooney meines Papas erwartend und dann enttäuscht, dass sie es wieder nicht war.
Wann und wie hätte ich wohl begriffen oder erfahren, dass die Mooney samt ihrer kostbaren Fracht nicht mehr landen würde?
Was wäre dort in Olbia von mir übrig geblieben?

Als ich erfuhr, dass mein Vater beim Rückflug von Elba im französischen Jura abgestürzt war, empfand ich nichts, als tiefe, glühende Freude darüber, dass er nicht einen Flug später abgestürzt war.
Evtl. war mein Papa, während er eine Notlandung versuchte, auch erleichtert, dass seine beiden Enkel nicht hinter ihm saßen?

Ich konnte nie etwas anderes denken, als dass ich gerade in Olbia die schreckliche Tatsache erfahren hätte und bat und bettelte, dass dies bitte, bitte, bitte nicht geschehen sei - und mir dieser Wunsch gewährt wurde.

Und so lieb ich meinen Papa auch hatte, so schob sich immer das Gefühl tiefer Dankbarkeit und Demut zwischen mich und die Trauer.
Wie wichtig es aber ist, um einen Vater zu trauern, darf ich seither immer mal wieder und völlig unerwartet spüren.

Er hatte seine Fliegergene übrigens vererbt und mein Alien wurde ein begeisterter Segelflieger.
Auch hier wurde wohl mein Wunschdenken wahr und vor einiger Zeit musst er seine Fliegerei aufgeben, da er zu groß für die Segelflugzeuge des Vereins wurde. hach :)

Gut ja, sagen wir nun also:

Heute ist Tag 1 der 2. Saftphase
(und ich muss meinem Alien ganz dringend neues "Müsli" kaufen)
















*
Ich habe sogar eine klitzekleine Idee, was mein Vater wohl während des Absturzes dachte, denn ähnlich wie Herr Ford, hatte mein Vater einmal einen Absturz überlebt und schwärmte seither, dass er, wenn er schon sterben müsse, dann bitte bei einem Absturz sterben wolle, denn er sei so voller Adrenalin gewesen, dass er noch immer versuchte, die Maschine zu stabilisieren, als längst ein erster Helfer bei ihm ankam und ihm aus dem Wrack half.
Wie es war, seine Andenken an den überlebten Absturz dann aus seiner Vitrine in den Müll zu räumen, die Brille mit den zerbrochenen Gläsern zB. wäre evtl. irgendwann ein Eintrag im Entrümplungsblog.


**
Ah, die Erklärung heißt: Patchworkfamilie
Auf die Art kam ich zum zweiten Vater, der mich Dank der Demenz nun gelegentlich mal für eine polnische Pflegekraft hält.



Kommentare:

  1. Wow, das ist eine äußerst beeindruckende Geschichte. Traurig natürlich auch, aber gleichzeitig eben auch spannend und so voll von persönlichen Themen und Erkenntnis. Vielen Dank, dass du sie hier teilst!
    Liebe Grüße
    Nicola

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  2. Danke, dass du deine Geschichte hier erzählst.
    Das ist sehr berührend.

    Lieber Gruss
    Susanne

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)