Worum es hier geht

Freitag, 28. November 2014

Tag 5 - 107,8 kg - mein Leben mit dem Alien ...

Heute Morgen habe ich die Waage böse angestarrt.
Sie starrte völlig unbeeindruckt zurück.
Aber wirklich völlig unbeeindruckt!

Mir dämmerte, dass ich das nicht gewinnen konnte und so stieg ich eben wieder runter.
Pft ...

Ich muss aber auch zugeben, dass ich gestern weniger zu Sport, denn zu Sushi kam.
Und Sushi ist tückisch.
Japanisch, Fisch, macht nicht dick, sagt das innere Schweinehündchen, und man futtert, als würde viel Sushi ganz besonders schlank machen.
Macht es übrigens nicht.

Als ich gestern die Wäsche machte, fiel der Groschen mit dem Alien.
Ich faltete nämlich hauptsächlich meine Wäsche.
Es waren sogar mehr Teile meiner gar nicht mehr hier wohnenden Tochter in der Wäsche, als von meinem Pubertier.
Und nein, ich faltete keine rosa Wäsche, sondern Grau, Schwarz - sowas.

Ich betrat das Zimmer des Alien erneut und öffnete den Kleiderschrank.
Ziemlich leer.
Unser Wäschekorb: ziemlich leer.
???

Ok, ächzend ließ ich mich zu Boden sinken und riskierte einen Blick unter das Bett.
Aha.
Kurz überlegte ich, zur Besenkammer zu krabbeln, aber ich war tapfer, stand auf, ging zur Besenkammer, holte einen Besen und ließ mich vor des Aliens Bett wieder zu Boden sinken.
(allein deshalb hätte die Waage heute schon was ganz anderes anzeigen sollen!)
Mit dem Besen angelte ich wahre Wäschegebirge ins Freie.
Und noch 2 Wasserflaschen.
Als ich die Wäsche näher betrachtete, kam ich ins Grübeln:
hatte er wohl einen Stapel T-Shirts nach dem Tragen ordentlich wieder zusammengefaltet und dann unter das Bett geschubst?
Oder hat er einen Stapel T-Shirts, die Mutti liebevoll gewaschen, getrocknet, geglättet und gefaltet AUF sein Bett gelegt hatte, einfach UNTER das Bett geschubst, als er müde vom Computerspielen war und ihm nach Schlaf gelüstete?

Tja, so ein Alien - woher soll er wissen, dass saubere, frisch gefaltete Wäsche IN einen Kleiderschrank gelegt werden soll?
Ich entfernte ein paar Wollmäuse von den Shirts, verwarf umgehend den Gedanken, sie erneut zu waschen und legte sie IN seinen Kleiderschrank.
Den Rest des Plunders warf ich auf sein Bett.
Ich habe beschlossen, den Blick unter sein Bett in mein tägliches Trainingsprogramm aufzunehmen.

Als ich dies soeben in die Praxis umsetzte, kniete ich prompt im Wasser.
Im Wasser?
Ich verfolgte die Spur des Wassers und kam schnell darauf:
einmal mit dem Aufräumen beschäftigt,
(er hat einfach alles vom Bett in den Kleiderschrank gestopft)
(Ich habe alles wieder aufs Bett geschmissen)
hat er auch gleich seinen Kaktus gegossen.
Die völlig trockene Kaktuserde hat natürlich keinerlei Wasser aufgenommen und so bildete sich ein kleiner See vor dem Bett meines Alien-Sohnes.
Nur ein Alien kann es völlig normal finden, morgens vom Bett aus in einen kleinen See zu stapfen und seinen Weg völlig unbeeindruckt ins Bad fortsetzen (ich folgte den getrockneten Fußspuren und erwartete fast, auf einen Yeti zu stoßen ...)
Aber nein, nur ein leeres Bad.
Gut, ich legte den See wieder trocken.

Gestern war ich nachmittags dann wieder im Flüchtlingscafe.
Bis auf die Ehrenamtlichen, keine bekannten Gesichter.
Ich war erst recht spät gekommen und eine von den anderen Ehrenamtlichen drückte mir freudig über mein Erscheinen umgehend das Plastiktöpfchen mit dem Kleingeld in die Hand.
Wir bauen jede Woche einen Flohmarkt auf, bei dem Kleidungsstücke und Taschen zu 10 Cent das Stück gekauft werden können.
Von den 10 Cent kaufen wir neue Kekse, Kaffee und Tee für die nächste Woche.
Bei der Kleidung handelt es sich jeweils um Kleiderspenden für das Flüchtlingscafe.
An der Tür zählen wir dann die gewählten Stücke durch, kassieren die Leute ab und stecken die Kleidung in eine Plastiktüte.
So der Idealfall.
Mittlerweile ist es so, dass die Menschen nur ca 2 Wochen in dem Flüchtlingsheim bleiben müssen, bis sie auf neue Unterkünfte verteilt werden. Für uns schade, weil die Kontakte dadurch sehr oberflächlich bleiben, aber da das Heim eher nicht schön sein soll, für die Leute natürlich erfreulich, dort nicht zu lange bleiben zu müssen.
Es ist nur sehr lustig, eine herrlich chaotisch absurde Situation, dass wir da jedes Mal zwischen 50 und 100 Menschen erst Kaffee, Tee und Kekse servieren - kostet nichts.
Und sie dann in einen Raum mit Kram kommen, wo sich dann alle Sachen aussuchen - und an der Tür steht dann eine drollige Dicke, rappelt mit einem Becher und sagt "10 Cent pro Stück!"
Ich wiederhole das auf Englisch und grinse sehr breit.
Probehalber zähle ich die Kleidungsstücke des Ersten durch und sage ihm freundlich, dass ich 50 Cent bekomme.
Meist ist jemand dabei, der Englisch kann und dann spricht sich sagenhaft schnell herum, was Sache ist.
Lustig ist, dass dann viele zu der Kleidung zurück gehen und sich noch mehr aussuchen.
Dass wir diese 10 Cent nehmen, ist tatsächlich eine gute Sache, da ein Bezahlen aus den Leuten Kunden macht und keine Almosenempfänger.
Erst fand ich es völlig bescheuert, die Leute "abzuzocken" - noch dazu, weil es eben wirklich gar nicht so einfach ist, die Sache mit den 10 Cent zu "erklären". Aber mittlerweile bin ich auch völlig überzeugt, denn es bringt uns auf "Augenhöhe".
Wenn ich 90,- Cent haben möchte, bekomme ich oft 1,- Euro - und ein "Ok!" - also, 10 Cent Trinkgeld, für die ich mich auch umgehend bedanke.
Es wird viel gelacht.

Gestern aber kam es komplett anders als sonst, denn einer der Anwesenden, der überhaupt keine Kleidung ausgesucht hatte, warf mir im Rausgehen ganz selbstverständlich 1,- Euro in meinen Becher.
Äh?! Hallo?!
Und bevor ich irgendwas unternehmen konnte, warfen mir zig Leute einfach so Geld in meinen Becher.
Oh, oh, das lief aus dem Ruder ...
Eine "Kollegin" lachte herzlich und meinte, ich solle nun zumindest ein paar Weihnachtslieder singen für mein Geld.
Ich versuchte unsere 10 Cent Geschichte zu erklären, aber die Anwesenden hatten nun begriffen, dass ich Geld sammle und noch 3 Leute warfen mir ein paar Münzen in den Becher, bis ich den dusseligen Becher energisch verschwinden ließ und demonstrativ damit begann, die ausgesuchten Kleidungsstücke von jemandem zu zählen.
Mittendrin stand ein kichernder junger Mann, der dann irgendwas sagte und plötzlich funktionierte das mit den 10 Cent ganz hervorragend.
So ein Schuft!
Er kam aus Hamburg, sprach besser Deutsch als Arabisch und war gekommen um Verwandte zu besuchen, denen die Flucht gelungen war.
Mitnehmen darf er sie leider nicht, denn sie dürfen in der ersten Zeit den zugeteilten Ort nicht verlassen.

Mein Alien fragte abends, warum wir nicht einfach Schilder machen.
Ha ...
Wir haben Flugblätter in ca 20 Sprachen dort liegen, aber es hat sich herausgestellt, dass die "irgendeiner kann bestimmt Englisch!"-Methode schneller ist und eigentlich auch immer hinhaut.

Später kam dann noch ein ganz entzückendes, junges Paar mit einem Kleinkind und einem Säugling.
Das Baby war winzig.
Deutlich kleiner als mein Alien bei seiner Geburt.
Seine Mama wickelte ihn vor unseren Augen noch einmal frisch und fest in Decken ein.
(das nennt man übrigens "Pucken")
Eine Methode, nach der unsere Eltern und Großeltern als Babies auch gewickelt wurden und der stolze Papa erwartete wohl schon, dass wir irgendwas dazu sagen würden, denn er fühlte sich genötigt, uns zu erklären, dass diese erzwungene Unbeweglichkeit Babies "stronger" macht.
Irgendwie waren wir aber wohl alle aus der "ich weiß es besser"-Phase heraus, in die man durch die Geburt eines Kindes gerne gerät und so sprang keine von uns auf das Thema an.
Stattdessen kramten und wühlten wir uns durch Kisten und Kartons hin zu winzigen Babyklamotten.
Die bekommen wir immer wieder gespendet, aber sie "gehen" gar nicht so gut, denn so kleine Babies sind doch selten im Flüchtlingsheim.
Wiedersehen werden wir das junge Paar nicht, denn sie kommen nächste Woche schon in eine neue Unterkunft.
Er ist Informatiker - ich denke mal, diese kleine Familie wird - wie so viele andere, kaum Probleme haben, ganz schnell zum braven Steuerzahler zu werden, wenn man sie nur lässt ...

Danach "unterhielt" ich mich mit einem recht alten Mann, der 3 Kinder dabei hatte.
Seine Enkel.
Sein Sohn ist tot und die Mutter der drei Kinder in England.
Oje, hoffentlich ist der Opa der 3 Kinder fitter, als er aussieht, denn bis die Mutter aus England den Behördenweg zu ihren Kindern schafft, dürfte reichlich Zeit verstreichen.

Abends in den Nachrichten dann die Berichte über demonstrierende Deutsche, deren Boote voll sind.
Angst vor Überfremdung, Angst vor wachsender Islamisierung.
Hm
Wer meint, weder Rassist, noch Unmensch zu sein und dennoch Unbehagen beim Gedanken an all die Flüchtlinge verspürt, die da in unser Land "strömen", der sollte vielleicht einfach mal selbst in Sachen "Flüchtlingshilfe" aktiv werden.
Die "" weil unser wchentliches Cafe ganz nett, aber sicher keine große Hilfe für irgendwen ist.

Gestern haben einige Medien berichtet: Ausländer bringen Deutschland Milliarden
Wenn wir uns mit den Leuten unterhalten, dann hört man heraus, wie sehr die in den Startlöchern sind, hier gleich wieder loszulegen.
"Syrien ist kaputt!", erfahren wir immer wieder und dass (und was) man sich jetzt hier aufbauen möchte.
Und was man in Syrien schon aufgebaut hatte.

Ach ja, Fräulein Rottenmeier ... die gestrenge Dame, befindet sich ja in einem herrlichen Machtkampf mit der eigentlichen Leiterin unseres Flüchtlingscafes.
Die beiden fechten einen Krieg über die Pappkartons aus, in denen wir a) die Kleidung für den Flohmarkt aufbewahren und derzeit b) all die Geschenke für unsere Weihnachtstombola.
Die zugewiesenen Schränke sind voll und wir hatten noch ca 20 Kartons sauber an die Wand eines Kellerraums gestapelt.
Die mussten nun gestern weg.
"Ach, wie sollen wir das denn jetzt nur schaffen? - aus dem Keller? - die schweren Kisten?"
Ich nahm mir eine der Kisten, trug sie nach oben, bis ich in Sichtweite der Leute kam und stellte mich dabei hinreichend ungeschickt an - im nächsten Moment ging ich mit 8 netten Männern zurück in den Keller.
Ha! Im Gegensatz zu den deutschen Männern, haben "unsere Araber" übrigens nie "Rücken" ... oder so etwas.
Tja, und damit Fräulein Rottenmeier glücklich ist, haben sämtliche Ehrenamtlichen jetzt wieder Kisten sonstwo stehen, damit die Wand des unbenutzten Kellerraums nicht 2 Wochen lang, bis zur Tombola, voller Kisten steht.
Wie gesagt, ich liebe Fräulein Rottenmeier für ihre Bereitschaft, die Rolle der "Bösen" zu übernehmen, denn ganz ehrlich:
die Fräulein Rottenmeiers dieser Welt, sind doch die Würze, die solche Grüppchen sehr genießen ...

So, das Laufband ...

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