Worum es hier geht

Dienstag, 4. März 2014

The day after

Eine Woche in meinem Elternhaus und danach möchte ich eigentlich nur eine Wand anstarren und Chips essen.
Viele Chips.

Das Alter ist halt nichts für Feiglinge.
Ich bin völlig fix und alle.
Ausgelaugt, deprimiert, wund ... und auf dem Wege der Besserung.
Die Chips habe ich mir schlicht gegönnt.

Wenn ich etwas gelernt habe, dann welches Glück es ist, dass ich mich über Kleinigkeiten freuen und das Leben genießen kann.
Lebensfreude garantiert höhere Lebensqualität als Verstand.
Sage ich mal so, nach einer knappen Woche mit einem dementen Väterchen und einer depressiven Mutter.

Der heiterste Moment war der, als meine Mutter in einem Anfall ungewohnter Mütterlichkeit ausgerechnet bei den Biggest Losern ins Grübeln kam. Eine der Teilnehmerinnen weinte gerade, weil sie ein Auto durch die Gegend ziehen musste, als meine Mama fragte, was das denn kosten würde, so ein Camp-Aufenthalt.
Sie wollte mir tatsächlich einen Aufenthalt im Camp spendieren.
Wie lieb.
Ich konnte sie aber überzeugen, dass ich weder Autos durch die Gegend ziehen, noch in Anwesenheit von Unterwasserkameras baden wollte.


Sie merkt nicht, wie kränkend es ist, dass sie aus meiner Figur ein solches Problem macht und sie dauernd mit Blicken oder Worten kommentiert.
Sie leidet ein wenig darunter, dass immer weniger Besuch kommt und denkt, es liegt an der Demenz ihres Mannes, mit der wir aber eigentlich ganz gut zurecht kommen. Es ist so einfach, Väterchen zum Lächeln zu bringen und was möchte man schon mehr, als dass er Spaß hat.
Aber eine Depressive aufheitern, die kaum noch weiter, als bis zur eigenen Nasenspitze sehen und fühlen kann?
Im Flur stand eine Weihnachtstüte. Darin ein sehr schönes, gefilztes Windlicht. Das Weihnachtsgeschenk einer meiner Schwestern.
Ich habe es nun mal aus der Tüte genommen und dekorativ auf den Flurschrank gestellt.
Meine Schwester wird sich ähnlich beklommen gefühlt haben, angesichts ihres achtlos beiseite geschobenen Geschenks, wie ich, als ich den gemalten Sonnenaufgang samt Sinnspruch meiner Tochter im Zeitungsständer unter der Fernsehzeitung fand.
Depressionen, die nur Kraft zum Jammern und für Tränen lassen und im Vorbeigehen dem Umfeld auch gleich noch die Kräfte rauben.

Ich werde weiterhin alle paar Wochen oder Monate mal hinfahren, aber ich muss mir für die Rückkehr dringend etwas anderes überlegen, als die "Chips-Kur" um danach wieder fit zu werden.

Für morgen habe ich schon mal etwas Witziges entdeckt:
ich werde meine Kleidung bis Ostern auf 50 Einzelteile reduzieren!

http://www.modeprotest.de/klamottenkur

Kommentare:

  1. Gott ja, das Alter der Eltern. Meine sind eigentlich noch nicht sooo alt - Anfang/Mitte 70 - leider ist meine Mutter aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn nicht mehr wirklich fit. Es geht noch, aber wie lange noch? Ich kann kaum atmen, wenn ich bei Ihnen bin. So beklemmend und schmerzhaft. Hätte nie gedacht, wie schlimm sowas mit anzusehen ist. Ich bin (erst) Mitte 30, in dem Alter wollte ich mich mit sowas eigentlich noch nicht auseinandersetzen müssen....
    Ich brauch nach Besuchen keine Chips, aber gerne Wein - oder Sekt - wirkt noch schneller;)

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    1. Ganz ehrlich:
      ich denke oft, dass ich Glück mit meiner Fress-Sucht habe, denn als alleinerziehende Freiberuflerin muss ich "funktionieren". Die Fähigkeit, mich mit Kalorien wieder aus einem Stimmungstief zu holen, ist da keine üble Sache. Ich bleibe nüchtern und arbeitsfähig. Kaufsucht, Tabletten-, Alkohol-, Spielsucht ... alles Kompensations-Reflexe, die für das Umfeld (sprich, meine Kinder) sehr viel unangenehmere Konsequenzen haben.

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  2. Liebe Pfundi macht ganz schön betroffen was du bei deinen Eltern erlebt hast.
    Unachtsamkeit und Lieblosigkeit schmerzen oft mehr als eine klare negative Ansage. Bleibt einem manchmal wirklich nur froh zu sein dass man selber nicht so stumpf geworden ist.
    Mich macht dieses ewige fokussieren auf dein Gewicht richtig wütend. Sie projeziert ganz viel eigenes auf deine Kilos . Und jetzt mal Klartext, du bist kein Biggest Losser , dazu bist bringst du zu wenig Gewicht mit, die würden dich schlichtweg gar nicht annehmen in so einem grosszügigst von deiner Mutter gesponsertem Camp.
    Da fragt man sich warum man sich das antut, die Batterien so auf unternull fahren lassen , sich demütigen zu lassen und eine Woche lang aussaugen zu lassen.. Ja, ich kenne das selber, und so ein liebenswerter Vater lässt einen die Mutter Unzulänglichkeiten bestimmt aushalten. Bloss tu dir das nicht mehr eine ganze Woche lang an- wenn s geht, denn sich seelisch immer wieder mit Füssen treten zu lassen macht was mit dir, und das macht keine Chipskur mehr wett.
    Ich drück dich, mach jetzt ganz viel schönes für dich!
    Schön dass du so anders geworden bist und dir deine Aufmerksamkeit, deine liebevolle Art und deine Freude am Leben, an deinen Kindern erhalten hast!

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  3. Liebe Pfundi, ich habe das Bedürfnis, dich virtuell zu drücken (zu weit weg für real), es klingt so traurig, was du erlebt hast.

    Jetzt werden die Batterien aber schnell wieder aufgeladen - und wenn es mit Chips sein muss.....

    Deine Klamottenpläne klingen spannend - ich denke, da geht es nur um Oberbekleidung? Den Unterwäsche und Socken mitgezählt wäre 50 einfach zu wenig - für mich jedenfalls :-)

    Gruss,
    Anke

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