Worum es hier geht

Freitag, 28. März 2014

nichts machst du je richtig!

Mit einem schiefen Grinsen stelle ich fest, dass ich wütend bin.
Oder zumindest ein sattes "Leck mich!"-Gefühl zustande bringe.
Dies hier dürfte mein Jahresurlaub sein.
Statt heute nach hause zu fahren, habe ich meinen Kindern gestern mitgeteilt, dass ich erst Montag nach hause komme.
Und das tue ich auch gerne.

Ja, ich klinge wirr, weil ich in diesem Chaosknäul aus Gefühlen, Organisatorischem, Frust und Erkenntnissen gerade keinen Anfang finde, gleich aber pünktlich am Frühstückstisch sitzen möchte.
Mein Väterchen kocht nämlich den besten Kaffee der Welt und den möchte ich auch heute nicht verpassen.

Am Mittwoch hatten meine Schwestern und ich ein von einer Therapeutin moderiertes Gespräch mit meiner Mutter.
Ich hielt die Moderation für eine gute Idee, da der Umstand, dass unser Väterchen klammheimlich hinter unserem Rücken in die geriatrische Station eingewiesen wurde, uns evtl. doch dazu hätte hinreißen können, unseren Unmut deutlicher zu formulieren, als meine Mutter es ertragen könnte.
Meine Sorgen waren unnötig.
Auch meine Schwestern äußerten tiefes Verständnis und boten konstruktiv Hilfe an.

Mein Väterchen hasst Krankenhäuser und schon immer fand er sehr drastische Formulierungen für Altersheime.
Die paar Tage in der geriatrischen Station haben ihn schon sehr verwirrt und meine Schwestern, die ihn dort besucht haben, schilderten mir, wie rasant er dort regelrecht "verwelkte".
Wir würden ihm daher gerne ermöglichen, so lange wie möglich in seinem Haus zu leben.
Derzeit ist seine Demenz so weit, dass er viele Wörter verloren hat.
Eigennamen, Ortsnamen, aber auch Begriffe, Formulierungen.
Da er gleichzeitig auch noch etwas schwerhörig ist und beständig zwitschernde Geräusche hört, ist oft nicht zu sagen, ob er etwas nicht oder falsch gehört oder falsch verstanden hat, oder einfach gedanklich gerade ganz woanders ist.
Er sitzt gerne sanft lächelnd dabei.
Unvermutet bietet er plötzlich Kaffee an und wuselt dann los um uns Kaffee zu holen, wenn wir welchen möchten.
Oft steht er auch auf und beginnt zu suchen.
Vorzugsweise seine Brille.
Und er sortiert.
Zeitungen, Rechnungen, Kontoauszüge, Kataloge ... alles schön aufeinander.
Er öffnet auch die Post der Pflegerin und gibt ihr dann den Inhalt ohne die Umschläge.

Wir haben ihr ein Postfach angeboten, aber sie lacht nur - es stört sie nicht und er darf ihre Post auch gerne sortieren.
Wir lernen den Unterschied zwischen Problemen und Eigentümlichkeiten.
Meiner Mutter haben wir vorgeschlagen, dass die älteste Schwester sich um die Bankangelegenheiten kümmert und meine Mami hat gerührt zugestimmt.

Wie lieb.

Leider hat sie dann unverzüglich der Pflegerin erzählt, dass dieser Tochter nicht über den Weg zu trauen sei und sie es bis zu ihrem letzten Atemzug verhindern würde, dass sie an die Konten käme.

Wie lieb.

Ich wusste schon, warum ich nicht vorgeschlagen hatte, ich könnte mich um die Bankangelegenheiten kümmern.
Unnötig zu erwähnen, dass meine Schwester nicht nur völlig vertrauenswürdig und korrekt ist, sondern auch noch Bankfachwirt.

Meine Mami hat bei dem ganzen Gespräch all unsere Hilfsangebote und mühsam ausgearbeiteten Vorschläge gerührt begrüßt und hat nicht im geringsten vor, irgendwas davon anzunehmen.
Sie empfindet unser Väterchen als Zumutung und möchte ihn vom Hals haben.
Das heißt natürlich nicht, dass sie ihn verlassen möchte, denn der Sozialstatus der liebenden Gattin eines reichen Fabrikanten ist ihr sehr sehr wichtig. Wichtiger als der Fabrikant selber ...

Bei dem Gespräch sprachen wir auch die Arbeitszeiten der Pflegerin an.
Von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr und sonntags frei - darauf muss sie sich auch mal verlassen können.
Ja, das sah meine Mami ein.

Nach dem Gespräch übernachtete sie noch daheim, bevor es am nächsten Tag wieder in die Klapse ging.
(es tut mir Leid, aber das "Leck mich!" führt zu einer gewissen Freude an dem Wort Klapse)
Für den nächsten Morgen bestellte sie die Pflegerin für 7.45 Uhr, da sie geruhte ein Bad zu nehmen.
Wie die Pflegerin jetzt ihr Kind zur Tagesmutter brächte, war ihr wohl egal - die 8 Uhr Absprache auch.

Den Rest des Morgens bis zu ihrer Rückkehr in die Klapse, verschlucke ich jetzt lieber, da ich bei der Schilderung schlicht boshaft und gehässig klänge.
Fakt ist, sie möchte ihn so wenig wie möglich sehen und dass die ausführlichen Untersuchungen in der geriatrischen Station ergaben, dass unser Väterchen für sein hohes Alter erstaunlich fit sei, hat die Situation wenig entspannt.
Nein, eher gar nicht.
Aber wir freuen uns schon.
Wenn sie wieder die "ich habe solche Angst, dass er morgens nicht aufwacht"-Arie anstimmt, können wir sie gleich total lieb beruhigen, dass er sicher 100 Jahre alt wird.

Leider wird es aber nun so weiter gehen, dass man in der Psychiatrie schnell feststellt, dass sie völlig beratungsresistent ist und ihre Einstellung zur Demenz ihres Gatten nicht ändern kann.
In ihren Augen gehören "solche Menschen" aussortiert und den "Normalen" der Anblick erspart.
Sie gehört zu den entzückenden Zeitgenossen, die beim Anblick eines behinderten Kindes sagen, dass "so etwas doch heute nicht mehr nötig sei" oder sie beginnt den höchst informativen Satz "also früher hätte man so etwas ..."

Ich glaube, sie fühlt sich vom Schicksal völlig verarscht, dass ihre 3 dämlichen Töchter nicht einsehen wollen, WAS für eine Zumutung dieser Mann für sie mittlerweile ist. Sie hätte gerne, dass wir ihr das Problem vom Hals schaffen.

Und uns bricht es das Herz, dass er nur dafür lebt, ihr zu helfen, sie zu pflegen.
Wenn mein Väterchen uns nicht seine Lebensgeschichte erzählt oder Kaffee anbietet, sagt er gerne
"deine Mutter, das ist so eine tolle Frau!"
Kaffee ist mir lieber, bricht mir nicht das Herz.

Einziger Trost:
er hat sie geheiratet und sie war nie anders

Ok, das Leck mich!

Theoretisch kann sie die Wochenenden daheim verbringen.
Gestern aber teilte sie mit, dass sie dieses Wochenende lieber in der Psychiatrie bliebe, um zur Ruhe kommen zu können.
Schade um den freien Sonntag der Pflegerin.

Keine Bange, die Pflegerin hat frei ... ich werde mir einen sehr schönen Sonntag mit meinem Väterchen machen.
Ich werde den sehr bewusst genießen, denn ich ahne, lange werden wir seine Deportation ins Altersheim nicht mehr verhindern können. Aber es gibt sehr schöne Einrichtungen extra für Demenzkranke.
Mit etwas Glück vergisst er meine Mutter, diese unglaublich tolle Frau, auch irgendwann.

1 Kommentar:

  1. Das ist alles so unglaublich bitter. Und doch bin ich bei dem Satz hängen geblieben "Er hat sie geheiratet und sie war schon immer so"
    Ich wünsch dir ganz gute Nerven und bald wieder etwas Abstand.
    Deinem Vater kann man tatsächlich nur wünschen dass er sie vergisst.
    Und ihr.. da bin ich etwas ratlos was man so jemandem wünschen soll. Boshaft währe jetzt zu sagen dass ihr vielleicht irgendwann bewusst würde was sie da veranstaltet...

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)