Worum es hier geht

Sonntag, 30. März 2014

home sweet home ...

Heute Morgen begrüßte mich mein Väterchen mit dem Satz, dass er heute einen Spaziergang machen würde.
"Oh, fein", dachte ich.
Ein Spaziergang klang gut. Hauptsache, er würde nicht wie am Vortag alle paar Minuten fragen, wann wir meine Mutter besuchen würden.
"Meine Mutter, die tolle Frau, möchte dich nicht sehen!"
sagten wir ihm natürlich nicht.
Nein, nein, das Krankenhaus habe Besuche verboten, meine Mama braucht Ruhe, muss viel schlafen ... bla.
Aus der Kolonialherrin wurde auf die Art nun Dornröschen.

Meine Mama muss nämlich weinen, wenn sie ihren dementen Ehemann sieht.
Was für ein Glück, dass er ihren Anblick bei ihrem Schlaganfall vor knapp 30 Jahren so viel besser wegsteckte und sie seither treu umsorgte, statt sich eine gesunde, neue Ehefrau zu suchen.
Und da das Leben immer fair ist, wird seine Treue, Fürsorge und Liebe nun üppig belohnt.
"Das ist doch gar kein Mensch mehr! Der verblödet täglich mehr!"

Tja
Keine Bange, ich reiße mich immer und immer wieder zusammen und erinnere mich daran, dass sie natürlich nichts dafür kann, dass sie ihn einfach nicht mehr erträgt. Oder so.
Es ist Abend, ich bin müde, aber ich bekomme das mit dem Verständnis tagsüber besser hin.

Meistens jedenfalls.

Der Spaziergang, den mein Väterchen machen wollte, bestand übrigens aus den 25 km bis zur Klapse Klinik.
Wenn wir ihn nicht fahren könnten, würde er eben laufen.
Ein schwacher Trost, dass er das trotz aller körperlichen Fitness, die er mit seinen 84 Jahren noch hat, nicht schaffen würde.

Also wieder:
Nein, nein, das Krankenhaus habe Besuche verboten, meine Mama braucht Ruhe, muss viel schlafen ... bla.
Ja, wir haben mit dem Krankenhaus telefoniert, ja, der Mama geht es gut, sie muss schlafen.
Wenn er die Mama lieb hat, lässt er sie schlafen.
Natürlich würde er bemerken, dass ich lüge, wenn ich meine latente Wut auf meine Mama, nicht als Wut auf den doofen Arzt tarnen würde, der übrigens auch mir strengstens den Besuch bei meiner Mama verbietet.

Die Pflegerin hatte heute ihren freien Tag, sagte aber, dass sie morgen mit ihm zu meiner Mutter fahren würde, da sie es nicht über das Herz brächte, ihm diesen Wunsch abzuschlagen.

Und ich sagte dazu:
ich muss dann nach dem Frühstück aufbrechen und nach hause fahren.

Ich habe hier nun so viel wie möglich geholfen, Dinge zu organisieren und im Mai stehe ich wieder auf der Matte.
Aber was die Krankenhaus-Besuche angeht, halte ich mich raus.

Morgen kehre ich in mein Leben zurück und ich beabsichtige, Mittwoch wieder zu entrümpeln, meine Shopping-Diät zu halten und mir immer und immer wieder zu sagen:
es war ihre freie Entscheidung einander zu heiraten

Kommentare:

  1. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Situation weh tut. Ich hoffe, es bessert sich bald, auch wenn ich nicht wüsste, wie.

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  2. Ja, das klingt schmerzhaft für alle Beteiligten. Das Problem dürfte sein, dass Menschen ab einem gewissen (hohen) Alter kaum noch fähig sind, festgefahrene Meinungen (Ängste, Vorurteile) zu revidieren. Ein Grund, warum Kinder und Eltern dann oft keine gemeinsame Sprache mehr finden. Wenn dann noch die Horror-Diagnose Demenz und eine Depression beim anderen Elternteil dazukommen, wird es noch härter. Und auch schlimm, wenn man nicht (mehr) gerne ins eigene Elternhaus kommt, weil einen dort nur Krankheit, Streit und böse Gedanken erwarteten. Wünsche Dir vor allem Abstand, den viel ändern wirst Du nicht können.
    LG
    Anne

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  3. was anne so schön formuliert hat, kann ich nur bestätigen. das sehe ich auch so.
    wie gehen denn deine geschwister mit der situation um?
    oder gibt es doofe kommentare , weil du nicht vor ort lebst?
    viel kraft wünscht dir silke

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  4. Nein, gar nicht.
    Das Verhältnis unter uns Schwestern ist gut und wird durch unsere "Alten" fast noch inniger. So deprimierend es sein mag, dass unsere Hilfe einerseits laut eingefordert, gleichzeitig aber argwöhnisch kommentiert wird und im Endeffekt wenig fruchtet - so schön ist es zu sehen, wie nett meine Schwestern sind und so erleichternd ist es auch, dass wir alle an einem Strang ziehen. Auch die Nichten/Neffen sind gelungen. Ich fürchte, es ist tatsächlich meine Mutter, durch die alles so schwierig ist. Ihre Depression, Krankheit und ablehnende Einstellung gegenüber Demenzkranken oder allen Menschen, die ein wenig anders "ticken", sind keine einfache Mischung.

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)