Worum es hier geht

Dienstag, 25. März 2014

Die Dicke mit dem Kampfhund

Gestern fuhr ich gut 500 km von meinem Zuhause mit dem frisch abgefackelten Badezimmer zu einem Kreiskrankenhaus.
Dort war es dunkel und zu meinem Erstaunen lag so etwas wie Schnee.
In der geschlossenen psychiatrischen Station fand ich meine Mutter dort vor einem Fernseher sitzend vor.
Wir gingen zu einer Sitzecke und ich versuchte so zu tun, als sei es absolut alltäglich, seine eigene Mutter in der Klapse zu besuchen.
Dennoch beschwerte sich meine Mutter umgehend, ich würde sie anschauen, als sei sie irre.
Ich weiß nicht recht, wie man jemanden anschaut, der irre ist und noch viel weniger, wie man jemanden so anschaut, als sei er nicht irre.
Ein Mann stand mit geschlossenen Augen vor einem anderen Mann, der im Rollstuhl saß.
Im nächsten Moment saß er auf seinem Popo und der Rollstuhlfahrer streichelte ihm ganz lieb seinen Kopf.
Meine Mutter begann bitterlich zu weinen, dass sie mit solchen Irren zusammengesperrt sei.
Ich hatte eher das Problem zu erkennen, wer dort Patient war und wer dort arbeitete.
Als ich später wieder gehen wollte, sagte eine Dame zu mir, ich solle die Türe öffnen und fragte auch noch, ob ich Zigaretten habe. Ich sagte freundlich, dass ich Nichtraucherin sei und bemerkte, dass sie keine Handtasche trug, sondern ein Kissen.
Ein anderer Herr fragte mich, ob er mir die Türe öffnen solle.
Er trug ein geschmacksfernes Streifenhemd, stellte sich dann aber als kompetenter Pfleger heraus, der die Dame mit dem Kissen auch gekonnt davon abbrachte, mit mir eine Zigarette rauchen zu gehen.
Wenn mich der Brand in meinem Zuhause und die 500 km Fahrt noch nicht geschafft hatten, muss ich doch zugeben, dass der Besuch in dieser Station mich emotional durchaus angestrengt hatte.
Ich wäre lieber wütend auf meine Mutter, als so erfüllt von Mitleid.
Das Mitleid siegt derzeit aber.
Ich fuhr noch einmal 40 Minuten durch die Dunkelheit bis zu meinem Elternhaus.
Dort stellte ich mich meinem Väterchen als seine Tochter vor.
Er freute sich sehr, mich kennenzulernen und wir tranken ein gemütliches Glas Wein zusammen, bei dem er mir seine Lebensgeschichte erzählte.
Danach war es höchste Zeit um Schlafen zu gehen.
Er bot mir das Ehebett an und sagte, er könne auf dem Sofa schlafen.
Ich zog es vor, im Gästezimmer zu übernachten.
Ich zeigte ihm das Gästezimmer und das schon fertige Bett.
Da war er bereit, in seinem Bett zu schlafen.
Schön.
Während wir den Wein getrunken hatten, hatte ich einen sehr lautstarken Streit aus der Wohnung der Pflegerin gehört.
Ihr polnischer Lebensgefährte hatte beschlossen, sie heute noch zu verlassen und mit ihrem Auto nach Polen zu fahren.
Die Pflegerin war dagegen.
Sieh an, die Frau hat ein Privatleben und auch dort gab es Probleme.
Da der junge Mann einerseits sehr muskulös, trainiert und tätowiert war, andererseits sehr alkoholisiert, aggressiv und leider meiner Sprache nicht mächtig, fand ich es doch bedrohlich, als die Pflegerin übersetzte, dass er uns in dieser Nacht ermorden wolle.
Sie schlug vor, die Polizei zu rufen.
Ich rief die Polizei.
Ich erklärte, dass ich in meinem Elternhaus einen betrunkenen, randalierenden Polen vorgefunden hätte und ob sie ihn bitte dort heraus holen könnten.
Prompt kam ich mir wie eine Nazi-Braut vor.
Die Polizei brauchte kaum 1 Stunde, um den jungen Mann in den Polizeiwagen zu bringen und damit zu einem in der Nähe wohnenden Freund zu fahren.
Dabei waren die Polizisten übrigens sehr freundlich und verständnisvoll - mit ihm.
Gut ja, meine Geschichte war rückblickend besehen auch wirr.
Nein, ich wohne sonst nicht hier, nein, den Hausherren möchte ich bitte schlafen lassen und glauben sie mir, ein Gespräch mit ihm, nutzt ihnen nicht wirklich, denn er ist dement und die junge Dame hier ist seine Pflegerin.
Oh, sorry, die Hausherrin ist derzeit in der Klapse.

Ich habe nicht wirklich Klapse gesagt.
Danach musste ich die Pflegerin trösten, die starke Zweifel hatte, ob sie zu ihrem Lebensgefährten nicht vielleicht zu streng gewesen sei.
Ich zweifelte mit, denn er hatte regelrecht gebettelt, bleiben zu dürfen und als er ging, rief er immer wieder
"danke, Pfundi!", "danke, Pfundi!"
Ein Gefühl, als würde man ein niedliches kleines Angorakaninchen mit einem Fleischermesser abstechen.
Aber bevor die Polizisten kamen, hatte er auch sehr viel gefährlicher gewirkt.
Nachts träumte ich übrigens, ich sei Aufseherin in einem KZ.
Keine wirklich erholsame Nacht.

Morgens brachte die Pflegerin ihr Kind zur Tagesmutter und ihr Kampfhund suchte ihren Lebensgefährten.
Ich leinte den Hund an und ging mit ihm in den Wald, in dem ich unglaublich viel Zeit meiner Kindheit verbracht habe.
In meiner Kindheit war dort übrigens unglaublich viel mehr Wald.
Die Menschen, die mir begegneten, guckten nicht glücklich - das dürfte an dem Hund an meiner Leine gelegen haben.
Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, gucken die Leute immer viel netter, als mit diesem Staffordshire Terrier-Mischling.

Wieder daheim, stellte ich mich meinem Väterchen als seine Tochter vor und er fragte mich, ob ich bekloppt sei.
Er wisse doch, wer ich sei.
Dann erzählte er mir bei frisch gekochtem Kaffee - er kocht übrigens den besten Kaffee der Welt - seine Lebensgeschichte und dann plauderte er sehr freimütig über seine Verdauung.
Oh, das wird meine leicht ekelanfällig Mami aber freuen, dass die Woche in der geriatrischen Station, seine Verdauung und deren Produkte zum geeigneten Plauderthema gemacht hat.
Mein Väterchen ist davon überzeugt, dass die Station von einem Vater und seinen beiden Töchtern betrieben wurde.
Ich denke mal, es waren ein Arzt und 2 Krankenschwestern.

Egal.
Den Tag verbrachte ich bisher damit, ununterbrochen zu beteuern, dass irgendwas kein Problem sei.
Auch die Rückkehr des mittlerweile wieder nüchternen Polen war kein Problem.
Immerhin hat die Pflegerin jetzt wieder gute Laune und so nüchtern ist er auch ohne Deutschkenntnisse wirklich nett.

Man liest sich ...

Kommentare:

  1. boah, also, echt....
    da musste ich schlucken, was du so alles erlebt hast.
    du schreibst sehr schön, doch ich kann mir doch denken, dass in dem moment dir nicht zum lachen zumute war. hoffe, dir hilft das niederschreiben beim verarbeiten der erlebnisse
    aufmunternde grüsse, silke

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  2. Uff. Dabei nicht den Humor zu verlieren zeugt von echter Grösse :-)

    Gruss,
    Anke

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  3. Puh, da muss man ja erst einmal durchatmen. Hut ab davor, dass du das alles hinbekommst - irgendwie! Ich schicke dir ne große Portion Kraft und Mut!

    LG, Haike

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  4. "Man liest sich ..."

    Ja bitte.
    Mir ist schon klar, dass die Situation für Dich keine leichte sein kann, aber wie Du drüber schreibst, ist höchst lesenswert.

    Alles Liebe, viel Geduld und Kraft und was Du sonst noch brauchen kannst!

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)