Worum es hier geht

Montag, 24. Februar 2014

Mutter

Meine sämtlichen Entrümplungsreflexe gieren danach, meinen Kalender zu entrümpeln und den einfachen Eintrag:
Mutter
zu streichen.
Eine Stimme schmeichelt:
guck mal, Sonne! Fahr ans Meer!
Das Leben ist zu kurz um die eigene Mutter zu besuchen, kalauert irgendwas anderes in mir.
Meine Güte, ich bin 46 Jahre alt und benehme mich wie meine Stute damals angesichts eines Hindernisses mit blauen Tonnen.
Sie verweigerte recht geschickt, kurz und abrupt vor den Tonnen und ich sprang sozusagen alleine.
*platsch*

Dabei meint meine Mutter sogar, mich zu verstehen.
"Hier ist es nicht mehr schön!", ist einer ihrer Lieblingsaussprüche derzeit.
"Hier war es nie schön!", ist die Bemerkung, die ich mir dann immer verkneife.
Nein, ich bin nicht feige (ok, evtl. doch auch ein wenig) - es hat nur einfach keinen Sinn, noch irgend etwas aufarbeiten zu wollen. Dazu kommt, dass ich vor gut einem Jahrzehnt schon Zeit und Geld in diese Aufarbeitung investiert habe.
Nennt sich Therapie und war eine sehr gute Sache.
Früher dachte ich immer, eine Therapie sei etwas für Bekloppte und es gäbe nichts, was ich nicht mit mir alleine ausmachen könnte.
Und plötzlich wacht man auf und möchte im Bett bleiben und weinen, weil die Fenster dreckig sind und man nicht weiß, mit welchem Fenster man anfangen soll. Und überhaupt ist es sinnlos, denn die werden wieder dreckig!
Spätestens dann, wenn man 6 Stunden flennend auf dem Sofa sitzt und grübelt, mit welchem Fenster man nur anfangen könnte, sollte man eine Therapie in Betracht ziehen, denn es könnte sein, dass das eigentliche Problem nicht die dreckigen Fenster sind, sondern eine nette, kleine Stress-Depression.
Meine Schwester hat mich damals vom Sofa gepflückt und mich zu einer befreundeten Therapeutin aufs Sofa gesetzt.
Die Frau war teuer und gut.
Nicht nur, dass mich fleckige Fenster wieder völlig kalt lassen, nein, auch meine Kindheit war ... vorüber.
Nicht vergessen, nicht verklärt, sondern abgeschlossen.
Und meiner Mutter stand ich eher gleichgültig gegenüber.
Mein intensiver Wunsch, ihr den Hals umzudrehen UND gleichzeitig bitte sehr auch endlich Anerkennung, Liebe und Entschuldigungen zu erhalten, waren ... weg.
Wenn ich sie sah, fühlte ich mich nun irgendwo überheblich überlegen, hatte für sie einen Hauch Bedauern, denn all den Spaß, den ich an meinen Kindern habe, hatte sie an uns nie.
Sie hatte all die Arbeit, all das angebunden Sein, etc. - aber wir waren für sie immer nur ein Grund für Zorn, Enttäuschung, Wut, Ekel.
Wir waren nie die Kinder, die sie verdient hätte und sie hatte auch nie das Leben, das sie verdient hätte, da wir dem im Wege standen.
Und dann waren wir auch noch aufmüpfig und undankbar!
Nicht nur völlig unzulänglich, sondern am Ende auch noch undankbar!

Gut ja, es ist Zeit, in die Gänge zu kommen und dann wieder mal ein paar Tage lang eine völlige Enttäuschung zu sein.
Immerhin bin ich dick und alleinstehend.
Immerhin kann ich diesmal breit grinsen, wenn sie mit "in deinem Alter, war ich ..." anfängt, denn
in meinem Alter war sie Dank eines Viertelpfundes Diätpillen am Tag zwar deutlich schlanker, leider aber gerade auch Patient in der Intensivstation, da Diätpillen - wer hätte das gedacht - zu Schlaganfällen führen können.

Hach, und warum ich mir das überhaupt antue?
Tränen.
Die böseste Waffe aller Mütter sind Tränen.
Wir sind dagegen zwar ein klitzekleinwenig abgestumpft, aber mein armes, dementes Väterchen ist über all die Jahre nicht nur nicht abgestumpft, was tränenreiche Szenen angeht, sondern durch die Demenz nun sogar noch wehrloser, als all die Jahre.
Und das Böse ist:
waren die Tränen früher eher künstlich und Mittel zum Zwecke, hat sich meine Mutter nun tatsächlich eine Depression eingefangen.

Unsere Aufgabe ist also: Mutter aufheitern und damit dem Väterchen das Leben zu erleichtern.

Das ist, als wollte man ein Feld mit einem Teelöffel umgraben.

1 Kommentar:


  1. ich wünsche dir viel kraft, diese tage mit " muddi" zu überstehen...
    liebe grüsse, silke ( deren mutter auch eine harte nuss ist )

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Ich bitte die "Anonymen" zur besseren Unterscheidung mit einem Vor- oder Spitznamen zu signieren :)